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Zölibat: Amt oder Beziehung?

Zölibat im Ungleichzeitigen
Zölibat: Amt oder Beziehung?
Zölibat: Amt oder Beziehung?
© Maximilian Röll

Das Zölibat sei nicht widernatürlich, sondern übernatürlich. Das erklärte Bischof Vorderholzer Stefan Hirblinger laut diesem, als der damalige Priester auf sein Amt zugunsten seiner heutigen Frau verzichtete. Hirblinger sprach zusammen mit Edith Wolf von der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen in Sankt Georgen mit Britta Baas vom publik-forum über das Zölibat. Das Leben der beiden Gäste steht im Konflikt mit dieser kirchlichen Regelung.

Beziehung ehrlich leben

Wolf lernte ihren späteren Mann als junge Frau kennen, als dieser Kaplan war. Aus gegenseitiger Sympathie wuchs eine Beziehung. Wolf, die damals in die katholische Lebenswelt voll integriert war, wurde zwischenzeitlich angeraten, doch die Geliebte ihres Mannes zu werden: „Das zog mir den Boden unter den Füßen weg“, beschrieb sie ihre damalige Reaktion. Hirblinger lernte seine Frau kennen, als er schon viele Jahre Priester war. Auch bei ihm wuchs die Beziehung langsam und es dauerte, bis er sich zu ihr bekennen konnte. Um ehrlich mit ihr zusammen leben zu können und wegen des gemeinsamen Kinderwunsches gab er sein Amt auf.

Umstrittener Zölibat

Geschichten wie diese werden regelmäßig von den Medien aufgegriffen. Das Pflichtzölibat gehört zu den am meisten kritisierten Regeln der katholischen Kirche. Baas wies darauf hin, es sei schon in der Geschichte umstritten gewesen. Denn es hat keinen dogmatischen Rang, sondern ist lediglich eine disziplinäre Vorschrift. Es geht auch nicht auf Jesus und die Apostel zurück. Obwohl Bischof Vorderholzer im Gespräch mit Hirblinger behauptet haben soll, Petrus habe sich nach seiner Berufung zum Apostel seiner Ehe enthalten. Der ehemalige Priester kommentierte ironisch: „Offensichtlich war er dabei.“ Als Regel, welche dem gesamten Klerus auf die Ehelosigkeit verpflichtet, gibt es das Zölibat erst seit dem Mittelalter.

Der warme Mantel der Mutter Kirche wird weggerissen

Weder für Wolf noch für Hirblinger war die Entscheidung einfach oder die Konsequenzen leicht. Wolfs Mann konnte nach seiner Laisierung immerhin im Bistum Limburg Religionslehrer werden. Das war Hirblinger nicht möglich. In den achtziger Jahren wurden die Bestimmungen für Laisierungen deutlich verschärft. Er habe zudem gemerkt, dass sein Bischof mit seinem Anliegen nicht habe umgehen können. Der „warme Mantel der Mutter Kirche“ sei ihm vom einen auf den anderen Tag entzogen worden, so Hirblinger. Bis heute führe er mit dem Bistum einen Prozess um seine Pensionsansprüche und arbeite als Freiberufler: „Meine Frau hat bei uns das Haupteinkommen.“ „Im Angesicht Jesu geht man so mit Menschen nicht um“, kritisierte Hirblinger.

Es geht um Macht

Das Volk sei dabei nicht das Problem. Seine spätere Frau hatte laut ihm schon in seiner Zeit als aktiver Priester mit ihm zusammengelebt, ohne dass die Menschen daran Anstoß genommen hätten. Auch sein Weihekurs habe ihn nicht ausgeschlossen. Eine ähnliche Erfahrung hat das Ehepaar Wolf gemacht. Die Bischöfe seien das Problem. Sie wollten das Alleinstellungsmerkmal des Zölibats unbedingt beibehalten. Hirblinger vermutet auch, dass es um Macht geht: „nicht verheiratete Männer sind für die Obrigkeit leichter zu lenken.“ Dabei sei „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“ Missbrauch am Himmelreich.

Kirche hat das Zeitfenster verpasst

Doch die Bischöfe ließen sich nicht beirren. „Das System ist reformunfähig“, so Hirblinger. Das denkt auch Wolf: „Seit 1984 laufen wie gegen eine Wand.“ Der ehemalige Priester glaubt auch nicht, es ist zu einer Schwemme von Männern käme, die in die Priesterseminare eintreten wollten, wenn der Pflicht Zölibat fiele. „Das Zeitfenster haben wir verpasst.“ Es wäre zum und kurz nach dem Zweiten vatikanischen Konzil offen gewesen. Mittlerweile habe die Kirche, auch wegen des Zölibats, die Nähe zu den Menschen verloren.

Wolf und Hirblinger berichteten auch von ihrer persönlichen Entwicklung nach der Laisierung. Ihr Glaube sei tiefer geworden, so Wolf. Aber sie habe jetzt einen größeren Abstand zu Äußerlichkeiten: „Ich bin ambivalent, weil ich immer noch katholisch bin.“ Das gilt auch für Hirblinger: „Mein Glaube ist stärker geworden, konkreter und handfester.“ Obwohl sich seine Kirchlichkeit dabei verändert habe, wolle er ohne Kirche nicht sein. Sie sei für ihn der Wurzelboden.

Veränderung auch ohne die Bischöfe

Beide sehen sich als Vorreiter eines anderen Katholizismus. Die Trennung von Lebenszusammenhängen werde von den Gläubigen langsam aufgehoben. Dann werde sich die Kirche umbauen. Auch ohne die Bischöfe. (mr)