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„Wir müssen Menschen für die Pflege gewinnen“

Interview mit Bianca Lingnau zum Teil-Lockdown und zu aktuellen Herausforderungen in Altenhilfe und Pflege
„Wir müssen Menschen für die Pflege gewinnen“
„Wir müssen Menschen für die Pflege gewinnen“
© F. Schuld/ Bistum Limburg

Der zweite Lockdown ist da - Konsequenz rasant steigender Infektionszahlen. Was bedeuten die neuen Maßnahmen für die ambulante und stationäre Pflege in der Altenhilfe? Was ist anders als im Frühjahr?

Im Interview gibt Bianca Lingnau, Referentin für Altenhilfe und Pflege im Caritasverband für die Diözese Limburg, einen Einblick in ihre Arbeit. Sie berichtet von zahlreichen Anfragen zu Besuchsregelungen und Teststrategien und wirbt für bessere Arbeitsbedingungen für den Pflegeberuf – mit gutem Grund. Das Gespräch führte Felicitas Schuld, Redakteurin im Bistum Limburg.

Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner gilt es im besonderen Maße zu schützen. Unsere Einrichtungen stemmen daher seit vielen Monaten einen enormen Organisations- und Verwaltungsaufwand.

Frau Lingnau, als Referentin für Altenhilfe und Pflege bei einem Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege sind Sie Ansprechpartnerin für Träger aus der stationären und ambulanten Altenhilfe. Was sind aktuell die größten Herausforderungen?
Lingnau:
Mich erreichen täglich sehr viele Anfragen. Dabei geht es zum Beispiel um die Umsetzung konkreter Maßnahmen, um Besuchsregelungen oder Testverfahren. Das Wichtigste aber ist bei allen Überlegungen und Anfragen der Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Oberstes Ziel unserer Einrichtungen ist die Vermeidung und Minimierung eines Infektionsrisikos. Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner gilt es im besonderen Maße zu schützen. Unsere Einrichtungen stemmen daher seit vielen Monaten einen enormen Organisations- und Verwaltungsaufwand. Länderübergreifend sind individuelle Besucherkonzepte zu erstellen, vor allem aber müssen diese täglich nach der aktuellen Infektionslage ausgewertet und situationsangemessen umgesetzt werden. Auch müssen aufwendige Antragsverfahren zur Refinanzierung von Mindereinnahmen der letzten Monate gestellt und organisatorisch anspruchsvolle Corona-Testverfahren in den stationären und ambulanten Altenhilfe-Einrichtungen ganz individuell implementiert werden. Selbstverständlich müssen wir zudem unseren Kunden mit unserer Pflegeprofession gerecht werden und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Umsetzung aktiv unterstützen. All diese komplexen Themen gilt es schnellstmöglich auf den Weg zu bringen. 

Wie unterscheidet sich die Situation jetzt von der im Frühjahr?
Lingnau:
Wir alle wurden von der einbrechenden Pandemie und den daraus resultierenden Maßnahmen völlig überrascht. So mussten wir uns gesamtgesellschaftlich sehr schnell auf eine neue Normalität einstellen. Die Situation unterscheidet sich dahingehend, dass wir jetzt etwas besser mit dieser neuen Realität umgehen können und wir uns für die kommenden Monate konzeptionell besser aufgestellt sehen.

Eines wurde seit dem Beginn der Pandemie ganz deutlich: Ohne eine ausreichende Pflegequalität und -quantität werden wir in den kommenden Monaten und Jahren vor massiven Problemen stehen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach jetzt konkret in der Altenhilfe und Pflege?
Lingnau:
Eines wurde seit dem Beginn der Pandemie ganz deutlich: Ohne eine ausreichende Pflegequalität und -quantität werden wir in den kommenden Monaten und Jahren vor massiven Problemen stehen. Es gilt im höchsten Maße, Menschen proaktiv für den Pflegeberuf zu gewinnen und zu begeistern, die neue Generalistische Pflegeausbildung zu fördern und mit vereinten Kräften voranzutreiben. Die neue Generalistik in der Pflege vereint die bisher getrennten Ausbildungen der Altenpflege, Kinderkrankenpflege und Krankenpflege. Diese bisherigen Ausbildungszweige werden nun in einer dreijährigen Ausbildung zusammengefasst. Durch die Generalisierung der Pflegeausbildung sollen die zukünftigen Pflegekräfte auf sämtliche Aufgaben vorbereitet werden, die sie später im Berufsalltag erwarten. Hierzu müssen Gesundheitsdienstleister wie Krankenhäuser, stationäre und ambulante Altenhilfeeinrichtungen sehr eng miteinander kooperieren, um erfolgreich auszubilden.

Was muss von der Politik kommen?  
Lingnau:
Als Vertreterin eines Spitzenverbandes für das Referat Altenhilfe und Pflege erlebe ich die Sorgen und Nöte unserer Einrichtungen und Dienste täglich hautnah. Wir erwarten daher von der Politik zunächst einmal weiterhin ein besonnenes und angemessenes Krisenmanagement. Dazu gehört unabdingbar die Forderung nach einer längerfristigen Refinanzierungsmöglichkeit von teils massiven Mindereinnahmen, mindestens für das Jahr 2021, damit unsere stationären, teilstationären und ambulanten Dienste und Einrichtungen erhalten bleiben können. Wir wünschen uns kurz- bis mittelfristig besser Arbeitsbedingungen für Pflegende, eine Stabilisierung der Pflegefachkraftquote und eine Aufstockung von Lehrkräften für unserer schulischen Ausbildungsstätten. Gerne begleiten wir aktiv als Spitzenverband diese Prozesse, finden gemeinsame Lösungen und Wege, um somit nachhaltig den Pflegeberuf zu stärken.

Hintergrund: Referat Altenhilfe und Pflege

Das Fachreferat Altenhilfe und Pflege des Caritasverbandes für die Diözese Limburg e.V. bündelt und vertritt die Interessen der Mitgliedseinrichtungen durch Stellungnahmen und Positionierungen in Gesetzgebungsverfahren, politischen Prozessen und in Verhandlungen mit weiteren Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege auf Landesebene. In Zusammenarbeit mit den Sozialministerien in Hessen und Rheinland-Pfalz sowie in zentralen Gremien auf Länderebene gestaltet das Referat eine zukunftsweisende Fachpolitik mit. Zudem berät und begleitet das Referat Träger, u.a. zu wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, zu Fragen zur Weiterentwicklung der Angebotsstruktur und zum Thema Personalgewinnung und -bindung. Weitere Informationen zu den Fachbereichen und Aufgaben des Caritasverbandes für die Diözese Limburg e.V. gibt es hier.

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