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Islam im Umbruch – Muslime im Aufbruch

Mouhanad Khorchide spricht sich für eine Koran-Exegese aus, die aus dem Anspruch der Barmherzigkeit entsteht
Islam im Umbruch – Muslime im Aufbruch
Islam im Umbruch – Muslime im Aufbruch
© KEB Frankfurt

„Der Koran stellt sich unter den Selbstanspruch der Barmherzigkeit“, so Mouhanad Khorchide im Gespräch „Islam im Umbruch – Muslime im Aufbruch“ der Katholischen Erwachsenenbildung Frankfurt. Khorchide, Leiter des Zentrums für islamische Theologie an der Universität Münster, sprach sich im Gespräch mit Meinhard Schmidt-Degenhard für eine Koran-Exegese aus, die aus dem Anspruch der Barmherzigkeit entsteht.

Exegese des Koran
„Gott hat sich in einer menschlichen Sprache offenbart“, betonte Khorchide. Er nahm damit auf den Titel seines aktuellen Koran-Kommentars „Gottes Offenbarung in Menschenwort“ Bezug, der neu im Herder Verlag erschienen ist. In der Buchreihe wird der Koran mit historisch-kritischen Methoden analysiert. Das sei notwendig, um dessen dialogische Dimension offen zu legen, sagte Khorchide: „Die ersten Muslime haben den Koran nicht als Buch wahrgenommen, sondern als Präsenz Gottes, der mit ihnen im Gespräch ist.“

Barmherzigkeit als Leitbild
Den Dialog will Khorchide weiterführen. Die Barmherzigkeit ist für ihn der zentrale Interpretationsschlüssel des Koran. Den entnimmt er dem Buch selbst. Der Koran sei unter dieser Perspektive zu verstehen. Ebenso wie die Hadithen und die Biographie  des Propheten. Wenn etwa eine Hadithe die Barmherzigkeit verleugne, dann könne sie nicht echt sein, denn dann widerspräche sich der Prophet.

Politisierung des Islam
Durch die Instrumentalisierung des Islam durch die Politik sei dieser Grundsatz in Vergessenheit geraten, argumentierte Khorchide. Kurze Zeit nach dem Tod des Propheten habe die Politik begonnen, die Religion als Machtfaktor zu nutzen. Die Mächtigen wollten die Gläubigen zu Untertanen erziehen. Die Gelehrten seien mehr an ihrer Autorität, statt am Diskurs interessiert. Die Leitlinien von Barmherzigkeit und Freiheit seien zu kurz gekommen. Das alles verhindere die Entfaltung der spirituellen und ethischen Kraft der Religion. „Mir ist es deswegen wichtig, den Islam vor Instrumentalisierung zu schützen.“

Eine Bildungskrise
Ein weiterer Faktor für die Lage der muslimischen Welt sei eine Bildungskrise. Jahrhundertelang sei der Islam eine vielfältige Religion gewesen. Etwa im 11. Jahrhundert, als ein Philosoph die These vertrat, man könne den Koran nur verstehen, wenn man die Logik des Aristoteles vorher begriffen habe. Diese Tradition sei in den vergangenen zwei Jahrhunderten abgebrochen. „Viele Muslime kennen nur noch schwarz und weiss“. Die Gläubigen verstünden dadurch vom Koran zu wenig. In der Folge gehe Identität verloren, was nach Abgrenzung durch Feindbilder verlange.

Weite des Denkens ist wichtig
Khorchide berichtete, wie sein Denken durch seine Biographie bestimmt wurde. Als Kind wuchs er im Libanon und in Saudi-Arabien auf. Er lernte so verschiedene Formen des Islam kennen. Eine Veränderung in seinem Gottesbild habe sein Studium in Wien ergeben. In Saudi-Arabien sprach man davon, wie schlecht die Ungläubigen seien. Aber in Wien habe er gleich eine Krankenversicherung bekommen, anders als zuhause. Wo geht es gerechter zu, habe er gefragt. Das alles habe dazu beigetragen, dass er ein weites Denken entwickeln konnte. Anderen Muslimen, gerade jungen Menschen, das zu vermitteln, sei sein Ziel.

Wie kann sich der Ansatz durchsetzen?
Schmidt-Degenhard fragte, wie der Ansatz von Khorchide in die islamische Welt hineingetragen werden könne. Der Universitätslehrer betonte, er spreche nicht nur für sich, sondern für sein Institut. „Unsere Studierenden sind Multiplikatoren“. Zudem gebe es in Teilen der islamischen Welt einen Aufbruch. Sein Institut entwickle mit dem ägyptischen Religionsministerium ein Zertifikatsprogramm zur Koranexegese. 

Ein deutscher Islam?
„Kann es einen deutschen Islam geben“, fragt Schmidt-Degenhard. Für Khorchide ist ein solcher eine Religion, welche die Werte des Landes vertritt. Er betonte, der Islam in Deutschland habe ähnliche Probleme wie die christlichen Kirchen. Die Zahl der säkularen Muslime nehme zu, ebenso wie extreme Positionen. Die religiöse Mitte der Gesellschaft schmelze ab. Dennoch ist er optimistisch. Durch den islamischen Religionsunterricht sei viel voran gekommen. Und das ein islamischer Theologe heute in einem Kloster oder gar in einer Kirche sprechen könne, sei nicht selbstverständlich: „Wir können als Gesellschaft stolz sein auf das, was wir im letzten Jahrzehnt geleistet haben.“