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Heimat teilen – Fluchtursachen beheben

Heimat teilen – Fluchtursachen beheben
Heimat teilen – Fluchtursachen beheben
Unternehmensberater und Autor: Dr. Asfa-Wossen Asserate © Annette Krumpholz, KEB
11.03.2020, Hattersheim, Heimat, KEB, Katholische Erwachsenen Bildung Limburg
© Annette Krumpholz, KEBEin Bestseller von Dr. Asfa-Wossen Asserate

Ein Mann, der weibliche Gesprächspartner mit angedeutetem Handkuss begrüßt und den Titel Kaiserliche Hoheit trägt – klingt etwas aus der Zeit gefallen. Doch gerade dieser Mensch ist ein hochaktuelles Beispiel für die politisch dichte Zeit, in der wir leben. Denn er schlägt die Brücke von Europa zu Afrika.

Zum Auftakt der neuen Gesprächsreihe Wort.Wechsel und auf Einladung des Katholischen Bezirksbüros und der Katholischen Erwachsenenbildung Main-Taunus spricht Dr. Asfa-Wossen Asserate über Heimat und berichtet auch über seinen eigenen Lebensweg. Die Zuhörer im Gemeindezentrum St. Barbara in Hattersheim lauschen am Mittwochabend gefesselt und fragen interessiert nach.

11.03.2020, Hattersheim, Heimat, KEB, Katholische Erwachsenen Bildung Limburg
© Annette Krumpholz, KEB

Dr. Asfa-Wossen Asserate ist der Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien und lebt seit den 1970er Jahren in Deutschland. Schon in Addis Abeba besucht er die deutsche Schule, macht dort Abitur und studiert anschließend in Tübingen, Cambridge und Frankfurt. Nach der Revolution in seinem Geburtsland kann er nicht nach Äthiopien zurückkehren, sein Vater wird ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet und die Familie in Sippenhaft genommen. Dass sein Asylantrag in Deutschland damals innerhalb von drei Tagen anerkannt wird, könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen, berichtet er. Rassismus erlebte er persönlich in Deutschland nicht. In Tübingen gab es seinerzeit nur zwölf Studierende aus Afrika, und „wir waren eher sowas wie Prachtstücke und wurden mit offenen Armen empfangen“.

Seither war er in verschiedenen Presseabteilungen tätig, ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und hat seit rund 40 Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit.

11.03.2020, Hattersheim, Heimat, KEB, Katholische Erwachsenen Bildung Limburg
© Annette Krumpholz, KEBModerator Meinhard Schmidt-Degenhardt

Auf die Frage des Moderators Meinhard Schmidt-Degenhardt, was denn seine Heimat sei, antwortet Dr. Asfa-Wossen Asserate ohne zu zögern, dies sei selbstverständlich Frankfurt. Er liebe grüne Soße und seine Heimat habe die Flagge schwarz-rot-gold. Wichtig sei, dass es einen Unterschied zwischen Heimat und Vaterland gebe. Sein Vaterland sei das, wo seine Wurzeln sind, seine Heimat jedoch habe er sich selbst aussuchen können. Dass er in Frankfurt schon viel länger lebe als jemals in Äthiopien, sei sicher auch ein Motiv.

„Das Allerwichtigste für Menschen, die hierher kommen ist die deutsche Sprache. Jeder, der diesen Boden betritt, muss Deutsch lernen“, plädiert Dr. Asfa-Wossen Asserate. Zudem sei es wichtig, gleich anfangs die Prinzipien des Zusammenlebens hier klar zu machen. Er zählt auf: die Gleichstellung von Mann und Frau, die Trennung von Kirche und Staat und die Bereitschaft, sich auf das Lebend in Deutschland einzulassen. Der Gastgeber bestimme nun einmal die Regeln.

Gleichzeitig hebt er hervor, dass jeder deutsch ist, der die deutsche Staatsangehörigkeit hat und erteilt jeglichen Diskussionen um Abstammung eine Abfuhr. „Tugenden, Werte, Manieren sind dabei Teil der Heimat“, betont der Autor.

11.03.2020, Hattersheim, Heimat, KEB, Katholische Erwachsenen Bildung Limburg
© Annette Krumpholz, KEBSimone Schupp, Leiterin der KEB Main-Taunus und Dr. Asfa-Wossen Asserate

Die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes seien eine wunderbare Grundlage für ein friedliches Zusammenleben und damit quasi eine Art „Leitkultur“, wobei man hierfür möglichweise einen neuen Begriff finden müsse. „Wir brauchen eine neue deutsche Identität, eine Art Patriotismus. Wir müssen wieder in uns ruhen, denn immer dann konnten wir der Welt Gutes geben“, sagt Dr. Asfa-Wossen Asserate. Er unterscheidet dabei Patriotismus ganz klar vom Nationalismus. Ersteres bedeute Liebe für sein Land, letzteres bedeute Hass für alle anderen Länder.

Als oberste politische Priorität der kommenden Jahre sieht er eine gemeinsame europäische Afrika- und Außenpolitik. Man müsse sich die Frage stellen, ob man weiter den Kurs der sogenannten Realpolitik fahren könne und mit afrikanischen Gewaltherrschern verhandeln wolle. Derzeit leben 1,3 Milliarden Menschen in Afrika von denen 85 Prozent jünger als 25 Jahre sind. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Bevölkerungszahl in Afrika im Jahr 2050 verdoppelt haben wird. Dann werde die absolute Perspektivlosigkeit für die eigene Zukunft noch viel mehr Menschen in Richtung Europa in Bewegung setzen. Daher müsse man jetzt agieren, anstatt nur noch hilflos zu reagieren. Fluchtursachen wirklich bekämpfen sei der einzige Weg, betont der Bestsellerautor: „Man muss den vielen jungen Leuten in Afrika eine sichere Zukunft geben und Arbeit, denn es bringt nichts, wenn ein Hochschulabsolvent Taxi fahren muss.“

Resignierend fügt er hinzu, dass er zu seinen Lebzeiten wohl keine gemeinsame europäische Afrikapolitik mehr erleben werde. „Wir schaffen ja noch nicht einmal eine gemeinsame Asylpolitik“ und Europa habe den gesamten Kontinent Afrika einfach verschlafen.

Beim nächsten Gesprächsabend in der Reihe Wort.Wechsel ist das Thema „Auf der Suche nach Gerechtigkeit“.

Armutsforscher Prof. Dr. Christoph Butterwegge und der ehemalige FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg diskutieren am Mittwoch, 17. Juni 2020 um 19:30 Uhr im Gemeindesaal St. Nikolaus in der Kirchgasse in Eschborn-Niederhöchstadt.

Der Eintritt ist frei. Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Perspektiven einzubringen.

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