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Die missbrauchte Pflicht und die schöne Schwäche

Podiumsdiskussion "Pflichterfüllung und Schwäche" in St. Georgen
Die missbrauchte Pflicht und die schöne Schwäche
Die missbrauchte Pflicht und die schöne Schwäche
© KEB Frankfurt

„Es ist nicht so kreativ, sich in Frankfurt mit Literatur zu beschäftigen“, so Moderator Wolfgang Beck auf der Podiumsdiskussion „Pflichterfüllung und Schwäche“. Dennoch bot die Veranstaltung der KEB Frankfurt in Sankt Georgen überraschende Einblicke. Denn die beiden Autoren, Heinrich Detering und Felicitas Hoppe, näherten sich dem Thema über ihre eigenen Werke an.

Pflicht, die sich selbst genügt

Detering ist Mitherausgeber der Siegfried Lenz-Gesamtausgabe, dessen Roman „Deutschstunde“ vor 50 Jahren erschien und der den Anlass zum Abend gegeben hat.  Detering sprach über die sich selbst genügende Pflicht als Einfallstor, um Menschen zu instrumentalisieren. Er erinnerte sich an die calvinistische Herkunft seiner Mutter. In deren Milieu war die Pflicht so internalisiert, dass es des Glaubens, den seine Mutter schon abgelegt hatte, als Motivation nicht mehr bedurfte. „Die Einstellung der Unterwerfung war zur zweiten Natur geworden.“

Worte sind die härtesten Unterdrückungsinstrumente

Hoppe zog mit Blick auf den Ort der Veranstaltung biblische Bezüge. Jesus entzog sich häufig der vermeintlichen Pflicht, die ihm versucht wurde aufzuerlegen. Er schwieg, als man ihn aufforderte, über die Ehebrecherin zu urteilen. „Ich liebe alle Stellen in der Bibel, wo nicht geredet wird. Denn Worte sind die härtesten Unterdrückungsinstrumente, die wir kennen“, so Hoppe.  Dabei verwies die Autorin auf den heute ungeheuren Zwang zu Konformität. Davon ausgehend fragte sie, ob die Kunst ein Gegenmittel hierfür bereitstellen könne. Das bestätigte Detering aus seiner eigenen Biografie: „Für mich waren es die größten Befreiungserlebnisse, Lyriker und katholisch zu werden.“

Schwäche öffnet Auswege

Mit Blick auf die andere Hälfte des Veranstaltungstitels bemerkte die Autorin: „Es gibt viel Schwäche bei Hoppe.“ Sie wies sie darauf hin, schwach könne man positiv verstehen. Schwäche sei zwar nicht die Lösung. Doch sie könne Optionen und Auswege öffnen. Optionen wohin? Hoppe ging es um das Paradies, laut ihr der Ort, in dem sie einfach da sein dürfe. Hierfür seien zwei Elemente maßgebend: Liebe und Vertrauen. Auf beide hinzuweisen, sei Aufgabe einer literarischen Selbstbefragung.

Kreuzestod Jesu als Pflicht und Schwäche

Detering lobte den Veranstaltungstitel. Die Themenstellung öffne mit ihrer Asymetrie viele Türen in seinem Kopf. Pflicht und Schwäche seien keine Gegensatzpaare. Mit Blick auf die Theologie vermeinte der angehende Diakon, der Kreuzestod Jesu sei die äußerste Schwäche und die äußerste Pflichterfüllung gewesen.

Zum Schluss betonte Hoppe, man könne Pflicht nicht nur negativ sehen: „Wir haben noch nicht darüber gesprochen, dass es gute und schöne Pflichten gibt. Aber es gibt vielleicht eine Fortsetzung.“ (Maximilian Röll)

Unter der Moderation von JProfessor Dr. Wolfgang Beck gab es einen interessanten Austausch zwischen den Gästen zum Thema "Pflichterfüllung und Schwäche". Der gesamte Abend ist hier verfügbar.