Kategorien &
Plattformen

Die Dame Europa

Was macht Europa aus?
Die Dame Europa
Die Dame Europa
© Maximilian Röll

„Europäer ist, wer es sein will“ lautet es im Manifest der europäischen Republik. Am 20. Mai wurde es erneut in der Naxos Halle ausgerufen. Der Grundsatz erregte auf der Veranstaltung der KEB Frankfurt „Die Dame Europa“ Widerspruch. Drei alte Männer diskutieren mit vier jungen Menschen, meinte Meinhard Schmidt-Degenhard augenzwinkernd.

Daniel Cohn-Bendit lobte das Manifest zwar. Er hielt es aber nicht für eine Folie praktischer Politik. Jeder Staat grenze sich ab und definiere, wer dazu gehöre. Wenn man das nicht beachte, könne die Stimmung kippen. Das habe man in der Flüchtlingskrise 2015 in Deutschland gesehen.

Das wirft die Frage auf, wie Akzeptanz in einer Gesellschaft ermöglicht werden kann.  Im Kern ginge es um Toleranz, so Cohn-Bendit.

Religion und Staat
Dabei spielt laut Degenhard Religion eine wichtige Rolle. Man könne eine Gesellschaft nicht von der Religion trennen, meinte auch Tamara Ikaev. Cohn-Bendit wehrte sich dagegen, dass Europa christlich-jüdisch sei. Es gebe auch Agnostizismus und Atheismus, die seit der Aufklärung hinzugetreten seien. Außerdem komme die Einwanderung von Menschen mit anderen Religionen wie dem Islam hinzu. Diese Offenheit zeichne Europa aus. Sie gelte es zu erhalten, so Michael Quast.

Sie sei ein Erbe der Trennung von Staat und Kirche, die laut Ikaev wichtig sei. Die Studentin wies aber darauf hin, dass die Unterscheidung nicht zu radikal ausfallen sollte. Nur wenn alle Religionen an der Toleranz mitwirkten, hätte Europa eine Chance.

Angefochtene Utopie
Von diesem Werte-Kontinent träumten die Künstler, die ihr Manifest für die Europäische Republik aus Anlass des Endes des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren in vielen europäischen Ländern verkündeten. Auch vom Frankfurter Römer.

Es sei ein feierlicher Moment gewesen, so Willy Praml. Damit sollte der Alltag durchbrochen werden. Es gehe um eine radikale Utopie, so Quast: „Demokratie ist anstrengend. Aber es braucht den Wind von verrückten Utopien unter den Flügeln.“

Gerade die jungen Menschen, die an der Diskussion teilnahmen, hielten sich bei Utopien zurück. Ikaev meinte, sie könne es nicht wagen, Utopien zu entwickeln, solange ihre jüdische Schule in Frankfurt von Sicherheitsbeamten bewacht werden müsste. Auch Aaron Edelmann machte sich Sorgen um den Rechtsruck der Gesellschaft. Zwar gehe es zunächst gegen andere Religionen. Aber irgendwann wende es sich gegen Juden wie ihn.

Was wurde erreicht?
Cohn-Bendit warb darum, für solche Phänomene nicht Europa verantwortlich zu machen. Es gelte, die Errungenschaften in den Blick zu nehmen. Praml hat die Fortschritte Europas selbst erlebt: „Ich bin als Erbfeind der Franzosen aufgewachsen. Dann habe ich eine Französin geheiratet.“

Cohn-Bendit betonte, dass Europa demokratisch legitimiert sei, auch wenn häufig das Gegenteil behauptet werde: Das Parlament wird gewählt, der Europäische Rat besteht ausschließlich aus demokratisch zustande gekommenen Regierungen. Es gebe Defizite, aber das sei normal: „Es dauerte 300 Jahre bis zum demokratischen Nationalstaat. Wir brauchen jetzt 50 Jahre, um Europa zu entwickeln“, so Cohn-Bendit.

Europa in der Krise?
Es stimme, Europa werde derzeit angefragt durch eine nationalistische Welle in vielen Ländern. „Geschichte war immer ein Kampf.“ Schon der Start der EU sei nicht einfach gewesen. Hätte es in Frankreich eine Volksabstimmung zur Deutsch-Französischen Freundschaft gegeben, die Adenauer und de Gaulle vorantrieben, wäre sie abgelehnt worden. Deswegen müsse um Zustimmung gerungen und das Phänomen Europa erklärt werden, meinte Quast. Aber nicht nur mit Ernst. Das müsse auch Spaß machen, so Praml. Besonders gelte es, jene in die Diskurse zu integrieren, die sich nicht aussuchen könnten, ob sie von ihnen betroffen seien, meinte Sanna hübsch.

Wohin soll es mit Europa gehen? Darüber bestand in vielen Punkten kein Konsens in der Diskussion. Die europäische Republik des Manifestes etwa wollte Cohn-Bendit nicht, sondern die Vereinigten Staaten von Europa. In einem waren sich alle mit der Erklärung einig:

„Europa bedeutet, Menschen zu einen.“