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Bildung im Wandel

Bildung im Wandel
Bildung im Wandel
Prof. Dr. Hildegard Wustmans © Bistum Limburg

Prof. Dr. Hildegard Wustmans ist Dezernentin Pastorale Dienste und kommissarische Dezernentin Schule und Bildung im Bistum Limburg, bis November 2017 war sie Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz – bis heute weiterhin mit Lehrauftrag.

Frau Wustmans, wir erleben es alle: die Veränderungen rund um die Corona Pandemie haben unser ganzes Leben durcheinander gewirbelt und sie haben ebenso massive Auswirkungen auf die Bildung. Auch die Veranstaltungen der Erwachsenenbildung mussten zunächst ruhen im Lockdown, nicht nur die Schulen waren geschlossen. Haben Sie daraufhin persönlich Reaktionen von Teilnehmenden erreicht?

Zunächst einmal hatten Teilnehmende viel Verständnis dafür, dass Maßnahmen nicht durchgeführt werden konnten. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass es eine eigene Verunsicherung gab, dass man Sorge und Angst um die eigene Gesundheit und die der Anderen hatte – gerade am Beginn der Pandemie. Am Beginn der Pandemie stand das Interesse an Bildung gar nicht an erster Stelle. Die Menschen waren mit anderen Dingen, existenziellen und ganz unmittelbaren Fragestellungen konfrontiert und das ist auch so zurückgespiegelt worden.

Zukünftig wird es mehr hybride Formate in der Bildungsarbeit und andernorts geben.

Jetzt haben wir uns darauf eingestellt, wir leben mittlerweile schon einige Monate mit COVID-19 und es ist so, dass die KEB das Bildungsangebot erweitert. Es gibt jetzt nicht nur die „klassischen“ Präsenzveranstaltungen, sondern Online-Seminare, Online-Diskussionsrunden, Live-Streams, usw.
Ist das ein Digitalisierungsschub, der eine Chance ist für die Bildung?

Auf jeden Fall. Und zwar zunächst einmal vor dem Hintergrund, dass Bildung damit im wahrsten Sinn des Wortes eine größere Reichweite erhält und zugleich spontaner wird. Es ist Menschen möglich sich von irgendeinem Ort in einen Kurs einzuloggen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auf einmal Interessierte an Kursen teilnehmen, die in Potsdam leben oder in Konstanz. Die sagen: „Dieses Angebot ist interessant – das interessiert mich!“.

Ein weiterer Punkt, den wir feststellen ist, wie schnell wir uns an diese Digitalisierung nicht nur gewöhnt haben, sondern wie schnell wir uns auch damit vertraut gemacht haben. Es ist ein Lernprozess außerordentlicher Dimension. Die Organisationen, die Schulen, aber auch die Erwachsenenbildung, oder ein Bischöfliches Ordinariat mussten sich in kurzer Zeit auf digitale Kommunikation von (Lern)Inhalten einstellen. Und ich finde, dass wir das in weiten Teilen auch richtig gut gemacht haben. Aber es gilt, dass wir jetzt mit den Angeboten, die ausprobiert wurden, diese weiter zu professionalisieren haben. Denn eines ist klar, wir können diesen Prozess nicht mehr zurückschrauben. Zukünftig wird es mehr hybride Formate in der Bildungsarbeit und andernorts geben. Wir werden mit Online-basierten Tools, aber auch mit Präsenzzeiten arbeiten. Das finde ich außerordentlich spannend, aber um diese Formen gut gestalten zu können, werden auch Fortbildungen etc. für alle erforderlich sein.

Es ist auch die Zeit, über Bildungsgerechtigkeit zu sprechen und Wege zur Bildungsgerechtigkeit zu beschreiten.

© Bistum LimburgProf. Dr. Hildegard Wustmans

Sie sprechen da einen wichtigen Aspekt an: die Demokratisierung der Bildung, weil Bildung spontan, zügig und überall verfügbar ist. Aber kann die Digitalisierung eventuell auch Risiken bergen?

Ich weiß nicht, ob Risiken das richtige Wort ist. Wir sehen in vielen Bereichen dieser Pandemie, dass Dinge, die vorher in der Gesellschaft meist subkutan vorhanden waren, mit einer Deutlichkeit hervortreten, wie wir sie vorher eben nicht wahrgenommen haben bzw. nicht wahrnehmen wollten. Es wird ja viel über die Rollen und Aufgaben von Frauen in der Pandemie gesprochen. Denn es zeigt sich, dass es mit der Gleichberechtigung nicht gut bestellt ist und das gilt auch für den familiären Nahbereich. Es waren vielfach die Mütter, die Home Office und Homeschooling unter einen Hut bringen mussten.

Hinsichtlich des Bildungsbereiches zeigt sich, dass – jetzt schaue ich auf die Schulen – wir Schüler und Schülerinnen haben, die schon von der technischen Ausstattung her abgehängt sind. Im Kontext Erwachsenenbildung haben wir verschiedene Generationen, die unterschiedlich mit Digitalisierung umgehen. Es ist auch die Zeit, über Bildungsgerechtigkeit zu sprechen und Wege zur Bildungsgerechtigkeit zu beschreiten. Wie sieht Bildungsgerechtigkeit in Zeiten digitaler und hybrider Formate aus? Und neben diesen politischen Diskursen ist es aktuell auch eine Aufgabe für die Erwachsenenbildung dafür zu sorgen, dass Menschen umfassend digital befähigt werden.

Was können wir da konkret leisten als Erwachsenenbildung? Wie können wir Teilnehmende zu dieser Digitalisierung hinführen, damit sich die Welt der Bildung für sie öffnet?

Ich möchte hier exemplarisch ein Projekt erwähnen: “Wegweiser durch die digitale Welt“. Von diesem Projekt hoffen wird, dass es auch durch das Land Hessen finanziell unterstützt wird. Es richtet sich bewusst an ältere Menschen. Das Projekt gibt Hinweise auf Lernformate, mit denen man gut durch die digitale Welt kommen kann.

Wir haben bisher sehr von den Nutzerinnen und Nutzern von Bildung gesprochen, doch auch die Referentinnen und Referenten sind in den Blick zu nehmen. Ihnen kommt jetzt eine besondere Aufgabe zu, denn sie müssen neue Lernformate entwickeln. Dies bedeutet auch, dass sie sich umstellen müssen. Professionelle Gewohnheiten und Routinen werden durch die Pandemie auch in diesem Bereich durchbrochen. Viele Referenten und Referentinnen gehen mit Engagement in Lernexperimentiere und lassen sich selbst auf ganz neue Lernprozesse ein. Das zu sehen ist großartig und dafür bin ich auch dankbar.

Wie gehen wir damit um, dass Menschen bestimmte Dinge einfach ignorieren, weil sie nicht bereit sind, über sich hinaus zu denken?

Wie können wir als Katholiken die Zukunft des lebenslangen Lernens mitgestalten? Was ist der besondere katholische Auftrag?

Da fallen mir mehrere Aufträge ein. Einen Auftrag habe ich soeben schon benannt: Bildungsgerechtigkeit. Die Frage ist zu beantworten, was wir dazu beitragen, dass der Digital Gap geschlossen werden kann. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, wie reagieren wir auf die gerade jetzt durch die Corona-Pandemie sehr deutlich gewordenen Problemlagen in unserer Gesellschaft? Wenn ich an Großdemonstrationen in Berlin oder Stuttgart denke, stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit Verschwörungstheoretikern und -theorien um? Wie gehen wir damit um, dass Menschen bestimmte Dinge einfach ignorieren, weil sie nicht bereit sind, über sich hinaus zu denken? Wir haben diese Fragestellungen und unsere Argumente in Diskurse einzubringen. Das sind meines Erachtens Themen, die wir mit anderen im gesellschaftlichen Verbund debattieren und es auch an Positionierungen nicht fehlen lassen sollten.